Neues Telemedizinprojekt in Leipzig

Die Telemedizin gilt vielen als eine Strategie der Zukunft im Gesundheitswesen. Praktisch aber steckt sie noch immer in den Kinderschuhen. Nun starten AOK Plus, Leipziger Mediziner und Pflegeeinrichtungen einen neuen Anlauf, um ganze Strukturen zu testen.

Seit April 2017 wird in Deutschland die Fernvisite per Telemedizin vergütet. Seither gab es die verschiedensten Versuche, diese Art des Patientenkontakts zu etablieren. In Leipzig hat die größte Krankenkasse in Sachsen und Thüringen, die AOK Plus, gemeinsam mit den Hausarztpraxen von Dr. med. Thomas Lipp und seinem Kollegen Dr. med. Jürgen Flohr, nun ein großes Pilotprojekt gestartet.

Konkret geht es um zwei Szenarien, die mit den beiden Ärzten und den Pflegeeinrichtungen erarbeitet wurden. Im ersten kann der Arzt bei der Visite in der Pflegeeinrichtung die Vitaldaten des pflegebedürftigen Bewohners der Pflegeeinrichtung erheben und einen Facharzt per Video hinzuziehen, um mit ihm die weitere Behandlung abzustimmen. Beim zweiten Szenario setzen Pflegefachkräfte die Technik-Pakete aktiv im Alltag ein, um bei Bedarf den Hausarzt per Video zu einem Pflegebedürftigen hinzuzuschalten. Auch hier kann der Hausarzt einen Facharzt per Dreierkonsil einbinden. 

Für Dr. Lipp ist das der Aufbruch in eine neue Dimension: „Jetzt haben wir erstmals die Möglichkeit, flächendeckend ein modernes System zu installieren. Das, was wir hier aufbauen, soll technisch so ausgefeilt sein, dass es künftig auch bei anderen Nutzern funktioniert." Dabei geht es perspektivisch weniger um Großstädte wie Leipzig oder Dresden, sondern vor allem um Gegenden in Sachsen, die medizinisch nicht oder nur schlecht versorgt sind - im Vogtland oder Erzgebirge beispielsweise.

Einbezogen in das Projekt sind Fachärzte für Gastroenterologie, für Chirurgie, für Neurologie, für HNO, für Dermatologie und für Gynäkologie. Vorteil: Der Patient muss nicht erst überwiesen werden. Dazu entfielen Arzttermine für Rückfragen und Routinekontrollen sowie zahlreiche Krankentransporte. „Der Aufwand beim Patienten wird gesenkt, Ressourcen beim Arzt werden frei", lobt Dr. Lipp, "was in der Summe die Versorgungsqualität sogar noch erhöht."

Die AOK Plus hat die Beteiligten dafür mit Technik-Paketen ausgestattet, die auf Wunsch der Ärzte Tablets mit Software zur Videokommunikation sowie Medizinprodukte, wie beispielsweise ein modernes und transportables EKG, ein Pulsmess- und ein Hautuntersuchungsgerät zur Vitaldatenerhebung enthalten.

Ziel des Projekts ist es laut AOK, die haus- und fachärztliche Versorgung in Pflegeeinrichtungen gerade unter den Bedingungen des Fachkräftemangels sowohl beim Pflegepersonal als auch bei fach- und hausärztlichen Kapazitäten mit den Möglichkeiten der Telemedizin zu sichern. Außerdem sollen im Rahmen dieses Projekts das Berufsbild der Pflegefachkraft gestärkt und alle Beteiligten durch den Einsatz von Telemedizin entlastet werden.

Ein wesentliches Hindernis ist aber noch immer die geringe Honorierung. Die Kassenärztliche Vereinigung müsse erkennen, dass das keine Spielerei ist, sondern eine sinnvolle Grundversorgung.